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Mein Land


(Ein zum nachdenken anregender Gastbeitrag aus CJLEA.com) Ich möchte keine Alternative für Deutschland. Ich möchte das Deutschland, in dem ich aufgewachsen bin, zurück. Das Deutschland, in dem das Leben eines jeden Menschen gleich viel Wert ist. Das Deutschland, in dem Ratio über Rage siegt. Das Deutschland, dessen Teil man wird, in dem man stillschweigend einwilligt, das Grundgesetz zu achten. Das Deutschland, in dem man schweigt und Pfeife raucht. Das Deutschland, in dem man denkt, bevor man spricht. Das Deutschland, in dem Achtung mehr wiegt als Ächtung. Das Deutschland, in dem Zugehörigkeit zu ethnischen Gruppen oder Religionen, sexuelle Orientierung, Haar- und Hautfarbe maximal Schulhofgespräche und Stammtischdebatten anheizen.

Das Deutschland, in dem Verfassungs-, Automobil- und Literaturpatriotismus Menschen jedweder Herkunft antreiben, ihren leidenschaftlichen Beitrag zu einer besseren Zukunft zu leisten. Das Deutschland, das keinen völkisch verbrämten Patriotismus kennt, der nach Geburt und Blut zwischen “wir” und “die” unterscheidet. Das Deutschland, das Identität in Europa und der Welt sucht und stiftet – nicht im kleingeistig nationalen Jägerzaungefängnis zwischen Rhein und Oder.

Das Deutschland, in dem Eltern ihren Kindern beibringen, oh wie schön Panama ist. Das Deutschland, in dem die Babushka auf dem Regal selig lächelnd Geschichten aus tausendundeiner Nacht lauscht. Das Deutschland, in dem Huck Finn und Tom Sawyer mit der kleinen Meerjungfrau am Kai chillen, während Lukas und Jim das Sams auf große Fahrt nach Phantásien mitnehmen. Das Deutschland, für das Heimat kein Territorium, sondern eine Haltung ist. Das Deutschland, das befruchtet, hinterfragt, inspiriert und neu denkt. Das Deutschland, in das viele Menschen vor Krieg und Unterdrückung fliehen.

Das Deutschland, in dem viele Menschen ankommen und neu beginnen wollen, weil sie wissen, dass es das freieste Land der Welt ist.

Ein Land, das seinen Wohlstand, der für weit mehr als 80 Millionen Menschen reicht, einer Verfassung zu verdanken hat, die weniger Gesetz als ein wundervolles, ewig gültiges Werk aufgeklärter Poesie ist. Ein Land, das aus seiner Geschichte gelernt hat. Ein Land, das Vorreiter und -kämpfer für Menschen- und Persönlichkeitsrechte ist. Ein Land, in dem “anders sein” eine Gabe ist. Ein Land, in dem jeder schwach sein darf.

Ein Land, das erst in seiner Schwäche Stärke offenbart. Ein Land, das aus Bescheidenheit, Demut und Zweifeln Rechtschaffenheit und Anstand gebiert. Ein Land, das rockt. Ein Land, das sich in den 2000er Jahren als weltweit geliebte Keimzelle von Tech-Business und Ballsport noch einmal neu erfindet. Ein Land, das Sonne und Wind Kohle und Uran vorzieht. Ein Land, das integriert, nicht spaltet. Ein Land, das kein Land, sondern eine Idee ist. Ein Funken. Ein Gedanke, der sich fortpflanzt.

Ein Gedanke, der Menschen beflügelt. Weltweit. Ein Land, das niemanden abschreckt. Ein Land, das weiß, dass sein Fortbestand als Idee, als Gedanke, als Vorreiter davon abhängig ist, dass neue Menschen dazu kommen, um Zukunft zu befruchten. Um Zukunft möglich zu machen. Zukunft außerhalb des Jägerzauns. Zukunft für alle. Ein Land, das Teil der Zukunft dieses Planeten ist. Intellektuell, emotional, philosophisch, musisch.

Dieses Land möchte ich zurück. Das ist das Deutschland in dem ich aufgewachsen bin.

Das Deutschland, dessen Staatsbürger ich geworden bin, weil ich stillschweigend – damals noch ohne Pfeife – seine Verfassung für gut, achtens- und weitererzählenswert gehalten habe. Das Deutschland, das ich mit geformt habe, in dem ich mich als junge Kartoffel mit Gyros, Spaghetti, Köfte, Cevapcici und Frühlingsrolle auf dem Schulhof gestritten und wieder vertragen habe. Das Deutschland, in dem ich mich heute glücklich schätze, mehr Menschen unterschiedlicher Nationalitäten meine Freunde nennen zu dürfen, als Thesen auf eine Kirchentür passen. Das Deutschland, das sich endlich von seinen unerträglichen, preussisch-protestantischen Wurzeln verabschiedet hat, um Heimat zu sein für die, die denken; die, die sich gegenseitig achten; die, für die Freiheit und Gleichheit nicht nur Worte sind und die, denen Liebe und Geist bessere Gefährten sind als Neid und Angst.

Vielleicht gibt es dieses Deutschland nicht.

Vielleicht bin ich 40 Jahre lang einem wohlfeilen Trugbild aufgesessen. Es erschreckt mich, dass mich das, was gerade passiert, nicht überrascht. Wusste ich etwa bereits, dass ich einem Ideal nachhänge, das nur in meinem Phantásien existiert? Habe ich mir die ganze Zeit nicht eingestanden, dass alles, was ich gelernt und erfahren habe, nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat? Hat sich schon vor Jahren tief in meinem Unterbewusstsein der Gedanke manifestiert, dass die “deutsche Volksseele” unheilbar verkrüppelt und angstbesessen ist?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich keine Alternative für dieses Land haben möchte, selbst wenn es nur in meiner naiven Vorstellung existiert haben sollte.

Das Deutschland, in dem ich aufgewachsen bin, war perfekt.

Manchmal wünschte ich, ich wäre dumm. Wenn ich dumm wäre, würde ich genauso selbstverständlich, wie die anderen Dummen dieses Land zerstören, dieses Land verteidigen. Dumme zweifeln nicht. Dumme haben keine Demut. Dumme sind nicht bescheiden. Dumme sind nicht Teil meines Trugbilds. Dumme zerstören Deutschland. Nicht Flüchtlinge, nicht Politiker, nicht Medien.

Dumme tun das. Die, die nicht dumm sind, verzweifeln demütig an ihrer Bescheidenheit. So wie ich. Ich verbringe meine Abende damit, den Kopf zu schütteln, mich aufzuregen und eine Handvoll Zeilen zu schreiben. Trotzdem werden Dumme nicht siegen. Dumme dürfen nicht siegen, oder? Lasst uns nicht dumm sein. Lasst uns deutsch sein. Lasst uns so deutsch sein, wie in meiner Erinnerung an dieses Land. Dieses Land, in dem alles möglich ist, weil alle gleich sind. Dieses Land, in dem Kant der Shit ist. Dieses Land, das nicht Land, sondern Idee ist. Dieses Land, das rockt.

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Quelle und Kommentare:

https://cjlea.wordpress.com/2018/01/22/mein-land/

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