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Sonntagsgeld


Gerne erinnere ich mich an die Sonntage aus meiner Kinderzeit zurück. Damals war der Sonntag noch Sonntag und somit ein Tag der allgemeinen Ruhe und der gegenseitigen Rücksichtnahme, die jegliche geräuscheintensiven Tätigkeiten des Wochenalltages auszuschließen vermochte. Somit war der Sonntag ein Balsam der Ruhe, die sich heute weitgehend vermissen lässt. Doch zu den sonntäglichen Höhepunkten gehörte zweifellos das „Sonntagsgeld“, das meine Oma jeden Sonntag Mittag ausgab.

Es war ein sonntägliches Ritual meiner Oma, das sie aus ihrer eigenen Kinderzeit bis in ihr hohes Alter erhielt und weitergab. (Sie war 1913 geboren und wurde 95 Jahre alt)

Doch vorher begann der Sonntag oft damit, dass ich nach dem Frühstück gegen halb elf, gerne den Kindergottesdienst in unserer Kirche besuchte, um dort einige meiner zumeist weiblichen Schulfreundinnen zu treffen, die ich besonders mochte, zumal meine männlichen Geschlechtsgenossen weniger zahlreich erschienen. Doch nicht nur Kinder aus meiner Klasse kamen, sondern mindestens die halbe Schule und so begann der Kindergottesdienst zumeist mit dem singen von ein paar Liedern und einer Ansprache des Pfarrers, bevor wir danach in kleine Grüppchen geteilt, mit Spannung den biblischen Geschichten lauschten, die uns von den Kindergottesdienst-Helfer und Helferinnen vorgetragen wurden, um im Anschluss über das Gehörte zu diskutieren.

Die Kindergottesdienst Helfer und Helferinnen wurden zumeist von christlich geprägte, bei uns Kindern überaus beliebte Lehrer/innen und Kindergärtnerinnen gestellt, die diese Tätigkeit ehrenamtlich durchführten. Zu ihnen gehörte auch meine damalige Klassenlehrerin, die mich mit Mühe und viel Geduld über die ersten vier Grundschuljahre brachte. So freut es mich immer wieder, wenn ich die heute Hochbetagte, über 40 Jahre später manchmal in der Stadt treffe, wobei sie mich jedesmal erkennt, selbst wenn die letzte Begegnung schon Jahre zurückliegt.

Nachdem der Kindergottesdienst mit einem gemeinsamen Lied und einer Verabschiedung durch den Pfarrer sein Ende fand, gab es zum Ausgang für jeden noch ein buntes Wochenblatt und eine Süßigkeit. So gingen wir dann gelöst, aber hungrig zum Mittag nachhause.

Ob es die Kindergottesdienste heute noch gibt?

Da meine Großeltern bei uns im Haus lebten, war es meine Gewohnheit, sie irgendwann nach dem Mittagsessen aufzusuchen, um von meiner Oma das Sonntagsgeld zu empfangen, wozu sie mir immer eine Geschichte aus ihrer Kindheit erzählte, die ich mit Spannung anhörte. Es erschien mir oft wie eine unwirkliche Erzählung aus einer anderen Welt, wenn sie mir Erlebnisse aus ihrer Kindheit berichtete, als sie genau so alt gewesen war, wie ich selbst zu dieser Zeit. Da es früher nicht üblich war, Taschengeld zu erhalten, gab es oft das Sonntagsgeld für Kinder, um somit eine sonntägliche Aktivität unternehmen zu können.

Ihr Leben war von Kindesbeinen an von Arbeit geprägt. Sie musste bereits als Kind nach der Schule beim Bauer und mit 13 in einer Fabrik arbeiten, um zum Familienunterhalt mit beizutragen.

Alle Kinder wurden in ihren Familien in die tägliche Arbeit eingebunden, sei es im Haushalt, oder im eigenen Betrieb, jeder hatte seine fest zugewiesenen Aufgaben und wenn die nicht pünktlich wie sorgfältig erledigt waren, dann gab es aber Zunder. Eine der Aufgaben meiner Oma war, samstags sämtliche Schuhe der ganzen Familie zu putzen, wozu sie mit einem verschmitzten Lächeln erklärte, dass wenn des Vaters Schuhe am Sonntag Morgen nicht pikobello, blitzeblank gewienert waren, flogen sie direkt in die Ecke des Raumes und dann aber marsch marsch, frei ans Werk und das Schuhputzzeug zur Hand genommen, um des Vaters Schuhe nochmals vor seinem Ausgang zu putzen. Väter waren demnach die unangefochtene Autorität, während Deutsche Männer heutzutage oft wie Hündchen ihren herrischen Weibern hinterher dackeln.

Ach ja, manchmal musste ich schon lachen, zumal mein Opa ähnliches zu berichten wusste.

So kam auch oft an diesen Sonntagen noch Tante Dina, eine Schwester meiner Oma zu Besuch und so wurden dann noch ein paar Runden Mensch ärgere dich nicht gespielt, wozu jeder einige Zehnpfennigstücke setzte. Dazu gab es Kaffee und von meiner Oma selbst gefertigtes, süßes Gebäck. So vergingen die sonntäglichen Nachmittage oft beschaulich, bis ich dann wieder zu meinen Eltern ging.

Dann wurde bevor es Abendessen gab der Fernseher für die Waltons eingeschaltet und so vergingen die Sonntage meiner Kindheit zumeist mit einer wohltuenden Unbeschwertheit, von der heute nichts mehr übrig ist.

Doch so gehen mir die Erzählungen meiner Großeltern noch heute im Kopf herum, die mir damals oft befremdend vorkamen, wuchs ich doch selbst ganz anders auf. Aber ich habe das nie als negativ betrachtet und wenn ich mir die Kinder und Jugendlichen von heute betrachte, dann ist mir klar woher diese disziplinlose Dekadenz kommt, von der sie vielfach geleitet sind.

Früher war der Sonntag ein besonderer Tag, doch heute erinnert nur noch der Kalender daran, dass eigentlich Sonntag ist, der im mittlerweile islamischen Deutschland vielerorts bereits am Freitag mit öffentlichem, propagandistischem Kampfbeten stattfindet. Gott mit uns.

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Deutscher Sonntag – Lied von Franz Josef Degenhardt:

Sonntags in der kleinen Stadt Sonntags in der kleinen Stadt – Wenn die Spinne Langeweile Fäden spinnt und ohne Eile Giftig-grau die Wand hochkriecht – Wenn’s blank und frisch gebadet riecht Dann bringt mich keiner auf die Straße Und aus Angst und Ärger lasse Ich mein rotes Barthaar steh’n, Und lass‘ den Tag vorübergehn. Hock‘ am Fenster, lese meine Zeitung, decke Bein mit Beine, Seh‘, hör und rieche nebenbei, Das ganze Sonntagseinerlei! Pampapam, pampampapam…

Da treten sie zum Kirchgang an Familienleittiere voran – Hütchen, Schühchen, Täschchen passend Ihre Männer unterfassend. Die sie heimlich vorwärts schieben Weil die gern zu Hause blieben! Und dann kommen sie zurück, Mit dem gleichen bösen Blick – Hütchen, Schühchen, Täschchen passend Ihre Männer unterfassend. Die sie heimlich heimwärts ziehn, Dass sie nicht in Kneipen fliehn! Pampapam, pampampapam…

Wenn die Bratendüfte wehen Jungfrau’n den Kaplan umstehen – Der so nette Witzchen macht Und wenn es dann so harmlos lacht. Wenn auf allen Fensterbänken Pudding dampft, und aus den Schänken Schallt das Lied vom Wiesengrund Und dass am Bach ein Birklein stund – Alle Glocken läuten mit Die ganze Stadt kriegt Appetit – Das ist dann genau die Zeit Da frier‘ ich vor Gemütlichkeit! Pampapam, pampampapam…

Da hockt die ganze Stadt und mampft Dass Bratenschweiß aus Fenstern dampft! Durch die fette Stille dringen Gaumenschnalzen, Schüsselklingen. Messer, die auf Knochen stoßen Und das Blubbern dicker Soßen – Hat nicht irgendwas geschrien? Jetzt nicht aus dem Fenster seh’n. Wo auf Hausvorgärtenmauern Ausgefranste Krähen lauern – Was nur da geschrien hat? Ich werd‘ so entsetzlich satt! Pampapam, pampampapam…

Wenn Zigarrenwolken schweben, Aufgeblähte Nüstern beben – Aus Musiktruh’n Donauwellen Plätschern, über Mägen quellen. Dann hat die Luft sich angestaut – Die ganze Stadt hockt und verdaut! Woher kam der laute Knall? Brach ein Flugzeug durch den Schall? Oder ob mit Mal die Stadt Ihr Bäuerchen gelassen hat? Die Luft riecht süß und säuerlich – Ich glaube, ich erbreche mich! Pampapam, pampampapam…

Dann geht’s zu den Schlachtfeldstätten Um im Geiste mitzutreten, Mitzuschießen, mitzustechen – Sich für wochentags zu rächen. Um im Chor Worte zu röhren Die beim Gottesdienst nur stören Schinkenspeckgesichter lachen, Treuherzig weil Knochen krachen Werden. Ich verstopf‘ die Ohren Meiner Kinder Traum verloren – Hocken auf den Stadtparkbänken, Greise die an Sedan denken! Pampapam, pampampapam…

Und dann die Spaziergangstunde, Durch die Stadt, zweimal die Runde – Hüte ziehen, spärlich nicken – Wenn ein Chef kommt, tiefer bücken! Achtung, dass die Sahneballen Dann nicht in den Rinnstein rollen! Kinder baumeln, ziehen Hände – Man hat ihnen bunte, fremde Fliegen – Beine ausgefetzt – Sorgsam an den Hals gesetzt, Dass sie die Kinder beißen soll’n, Wenn sie zum Bahndamm fliehen woll’n! Pampapam, pampampapam…

Wenn zur Ruh‘ die Glocken läuten Kneipen nur ihr Licht vergeuden, Dann wird’s in Couchecken beschaulich! Das ist dann die Zeit, da trau ich Mich hinaus, um nachzusehen, Ob die Sterne richtig stehen – Abendstille überall! Bloß Manchmal Lachen wie ein Windstoß. Über ein Mattscheibenspäßchen – Jeder schlürft noch rasch ein Gläschen, Und stöhnt über seinen Bauch –Und unsern kranken Nachbarn auch! Pampapam, pampampapam…

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Die Quellen:

Liedtext „Deutscher Sonntag:

http://www.songtexte.com/songtext/franz-josef-degenhardt/deutscher-sonntag-43cf13ff.html

Informationen zum Beitragsbild „Ein lieber Sonntagsgruß“:

https://www.pinterest.de/pin/557953841324731322/

3 Kommentare zu „Sonntagsgeld

  1. Keine Ahnung wann der Degenhard dieses Lied verfaßt hat, aber … diese Beschwernisse … hat seine Generation ja nun endgültig überwunden. Denn: Moslems essen keinen Schweinebraten… 😥

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  2. Sonntags fuhren wir ab und zu zu meinen Großeltern zum Mittagessen. Da saßen alle um den großen Küchentisch und warteten gespannt auf die Leckereien, die meine Oma zauberte, meist ein Braten mit leckerster Natursoße :), Salzkartoffeln und Gemüse aus dem Garten. Wir aßen, lachten, erzählten uns die Geschichten der vergangenen Wochen und so dauerte ein Mittagessen leicht mal 2 Stunden. Zum Schluss gab es oft grünen Wackelpudding mit frischer flüssiger Sahne und dann gingen wir Kinder hinaus zum Spielen. Klettern auf den riesigen Kirschbaum, Hickelhäuschen oder verbotenerweise das Spielen am Steilhang.
    Nach ein paar Stündchen gabs den Kaffee und dazu entweder Omas Blechkuchen, meist mit Äpfeln oder auch als Schmandkuchen, hmmmmmmmmmmmmmmmm, die Männer tranken ein Bierchen und aßen ein Stück gute ahle Worscht.
    Total glücklich und mit strahlenden Gesichtern lagen wir abends im Bett.

    Gute Nacht John Boy, gute Nacht Soundoffice

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    1. … und aßen ein Stück gute ahle Worscht.

      Ahle Worscht? Kommst du aus dem Waldecker Land? Mein Opa kam ursprünglich aus Asel … – das ist so ein kleines Dorf gewesen, das beim Bau der Edertalsperre überflutet wurde, und von dem heute bei Niedrigwasser in der Talsperre noch eine Brücke und einige Gebäudereste aus dem Edersee auftauchen, und das sie nach Enteignung (allerdings MIT Entschädigung in Goldmark) verlassen mußten.

      Seine Eltern hatten dann einen Bauernhof in einem kleinen Dorf in Oberhessen gekauft … und da bin ich dann größtenteils großgeworden, weil meine Mutter … nun ja, die Tochter meines Opas war. Und das Rezept für die ‚Ahle Worscht‘, das hatte mein Opa aus seiner Heimat mitgebracht. Aber die Metzger hier haben die NIEEEE auch nur annähernd so gut fabriziert wie ich sie auf Besuchen bei Verwandten (in Vöhl z.B.) gegessen habe!

      Heute bin ich zwar schon ein Vierteljahrhundert Vegetarier … aber als ich noch Fleisch gegessen habe, war die ‚Ahle Worscht‘ eine Spezialität nach der ich mir alle Finger abgeleckt habe… 😆

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